Conversations – mobile Kommunikation in richtig

Mobilisierung der digitalen Kommunikation

Wenn es um mobile Kommunikation geht hat die traditionelle SMS längst ausgedient. Dies hat vielerlei Gründe, Kosten, Aufwand und Zeichenbegrenzung wären da zu nennen, aber das ist Schnee von gestern. Mit flächendeckender Verbreitung des Internets wurde dies bevorzugt für Kommunikation benutzt, neben der traditionellen E-Mail gab es schon immer Bedarf nach Sofortnachrichtendiensten – Instant Messengern, die Echtzeitkommunikation in Dialogform ermöglichen. Nennenswert waren da  zuerst Dienste wie ICQ oder MSN, später kam mit Skype eine große Alternative hinzu die auch Audio- und Videotelefonie an den User brachte.

Mit der Verbreitung von mobilem Internet auf PDAs und irgendwann „Smartphones“ (Die Grenze war da fließend) wurde zunächst versucht die vorhandenen Dienste auf die mobilen Platformen zu portieren. Schnell machten sich jedoch auch alternative Anbieter am Markt breit, jeder versuchte sein eigenes Süppchen zu kochen. Wenn ich darüber nachdenke wieviele Messenger ich schon auf dem Smartphone hatte, fallen mir spontan ein: Facebook Messenger, Skype, google Talk (später Hangouts), ICQ, IRC (okay, kein traditioneller Instant Messenger) und irgendwelche vorinstallierte Software von Handyherstellern oder Providern (Samsung ChatON). Je nachdem mit welchem meiner Freunde ich chatten wollte, musste ich auf einen anderen Dienst zurückgreifen, manche sind derart hartnäckig dass ich sie selbst 2016 noch anrufen muss. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind alle meine Kontakte seit einiger Zeit aber beim Platzhirsch unter den Instant Messengern vertreten: Telegram!

Nein, war ein Scherz. Natürlich bei WhatsApp! Ich weiß nicht genau was das Erfolgsrezept von WhatsApp ist, ich denke es war zum Einen – wie so oft bei erfolgreichen Projekten – die richtige Idee zur richtigen Zeit richtig vermarktet, zum anderen aber merkt der gemeine Benutzer gar nicht mehr so richtig dass es sich um einen Instant Messenger handelt – und es ist ihm auch egal. Die erste Amthandlung von WhatsApp ist, das Adressbuch auf dem Smartphone zu durchwühlen und die Kontakte zum WhatsApp-eigenen Server zu schicken, so kann man alle seine Telefonkontakte ohne weiteres Zutun per WhatsApp antexten. Jeder Komfort hat seinen Preis. Selbst die hartnäckigsten WhatsApp Boykottierer dürften inzwischen in der Kontaktliste des Dienstes sein – sie dürften sich im Telefonbuch eines WA-users finden.

Nun hat der Dienst neben allem Komfort aber von anfang an durch Sicherheitslücken von sich Reden gemacht. Und obwohl vermeintlich sicherere Alternativen wie Threema oder Telegram aufkamen, konnten sie WhatsApp niemals ernsthaft Marktanteil streitig machen. Dennoch gibt es genügend Gründe auf WhatsApp zu verzichten – spätestens seit es von der Datenkrakte Facebook, welcher ich schon länger den Rücken gekehrt habe, aufgekauft wurde wird klar wo die Reise hingeht: es kostet inzwischen zwar kein Geld mehr, aber dafür zahlt man mit seinen Daten.

Jabber/XMPP als Nischenprodukt für Nerds?

Seit den frühen Anfängen der Sofortnachrichtendienste gibt es eine freie Alternative, die stets einen gewissen Marktanteil hatte, sich allerdings nie flächendeckend durchsetzen konnte: XMPP bzw. ehemals Jabber.
1999 veröffentlicht, bot es schon immer einen ähnlichen Funktionsumfang wie die populäreren Alternativen. Dies wird durch das modular aufgebaute Konzept realisiert, das jeder Entwickler selbst erweitern und seine Idee durch sogenannte XEP standardisieren kann, sodass auch andere Entwickler diese implementieren können. XMPP ist ferner dezentral konzipiert, das heißt jeder kann seinen eigenen XMPP Server betreiben, welcher entweder standalone sogar in Intranets ohne Internetzugang arbeiten kann, oder aber im Internet, wo er sich auf Wunsch in das bestehende Netzwerk aus XMPP Servern integriert und auch die Kommunikation mit Usern anderer Server zulässt. netbk.de ist also mein XMPP Server, ich kann mit meinem Account aber auch mit den Benutzern von z.B. jabber.de oder anderen, selbstgehosteten Servern meiner Freunde kommunizieren.

Zugegeben, das alles klingt total nerdig. Der Grund warum WhatsApp so beliebt ist ist nunmal, dass auch meine Mama und inzwischen sogar der Schwiegeropa mit 87 Jahren in der Lage ist es zu bedienen und jederzeit mobil erreichbar ist. Der Grund warum XMPP so lange als Nischenprodukt für Nerds abgestempelt wurde ist, dass XMPP bislang vorwiegend von Nerds benutzt wurde und damit quasi von Nerds für Nerds entwickelt wurde. Auch wenn immer mal wieder versucht wurde, hat man häufig übersehen was der 0815 User haben möchte: Ein Programm zum Chatten. Ohne, dass er einstellen muss auf welchem Port der Dienst jetzt läuft, ob selbstsignierten Zertifikaten vertraut werden darf oder für Dateiübertragungen ein Proxy verwendet werden soll, und wenn ja welcher.

Ja, all das sind Einstellungen die ihre Daseinsberechtigung haben. Aber wenn ich meine Mutter damit konfrontieren würde wäre die dazugehörige Software für sie keine Option mehr, so tolle features sie auch bieten könnte. Und diesem Problem hat man sich jetzt angenommen.

the very last word in instant messaging

(Das allerletzte Wort in Sachen Sofortnachrichten) – eine knackige Ansage der Entwickler einer noch verhältnismäßig jungen Software, die es bisher nur für Android gibt. Und dennoch, es ist nicht nur eine Software, sondern auch eine Philosophie, die da entwickelt wird, nämlich kurz zusammengefasst: Lass den User in Ruhe mit Infos die er nicht braucht, Einstellungen die er nicht versteht und Funktionen die er nicht benutzt. Aus dieser Idee  enstand Conversations, eine Software, die mit einer sauberen Benutzeroberfläche versehen ist und über einen Funktionsumfang verfügt, der sich vor der Konkurrenz nicht verstecken muss.

 

Conversations_01
Conversations zeigt dem User unaufdringlich genau das was er gerade braucht.

 

Einige erwähnenswerte Features sind Dateiübertragung (und die ist nicht beschränkt bestimmte Dateitypen) oder Verschlüsselung mittels bewährtem OTR oder der selbstentwickelten Axolotl Implementierung namens OMEMO, die viele der Schwächen von OTR nicht hat (PGP ist auch möglich, sogar in Gruppenchats, aber das spricht die Zielgruppe wohl nicht an). Carbon Copies und Message Archive Management (MAM) ermöglichen es, Nachrichten auf mehreren Geräten zu erhalten. Ich kann also im laufenden Gespräch von meinem Handy aufs Tablet oder meinen PC mit Gajim wechseln, habe alle Nachrichten auf beiden Geräten parat und der Gesprächspartner merkt es praktisch nicht. Dies funktionert in Verbindung mit OMEMO auch mit verschlüsselten Nachrichten.

Conversations wird sehr aktiv weiterentwickelt, es ist open source, die Entwicklung kann auf GitHub verfolgt werden, und wer programmieren, übersetzen oder spenden kann, kann sich auch daran beteiligen. Das Programm kann selbst kompiliert, über F-Droid installiert oder für einen kleinen Obulus an den Entwickler im PlayStore gekauft werden.

Und der Feldversuch ist bestanden: Seit weit über einem Jahr kommuniziere ich mit meiner Freundin fast nur noch über Conversations, welches zu Anfang noch in dern Kinderschuhen steckte aber bereits alle anderen XMPP Clients für Android in die Tasche steckte. Nach und nach kamen dann Schwiegermama, Mama und Schwiegerpapa hinzu. Inzwischen funktioniert eigentlich alles was mit WhatsApp auch funktioniert: Gruppenchats, Bilder versenden (auch in Gruppenchats), Sprachnachrichten… Allerdings muss man seine Kontakte noch selbst hinzufügen. Das ist der Preis den man zahlt, für Unabhängigkeit, Sicherheit, Freiheit… Ich finde die Entscheidung nicht schwer.

Hier ist ein bebildertes Tutorial zur Installation und Benutzung von Conversations.

Übrigens, es ist nicht ganz richtig zu sagen, dass XMPP sich nicht durchsetzen konnte. Eigentlich ist das genaue gegenteil der Fall. XMPP wird von vielen Messagingdiensten quasi „unter der Haube“ verwendet, nämlich von keinen geringeren als beispielsweise Google Hangouts, Facebook Messenger und – WhatsApp! Allerdings nutzt dies dem Benutzer am Ende nicht sehr, da diese Anbieter das Protokoll derart beschneiden dass man jeweils nur mit Nutzern des eigenen Dienstes kommunizieren kann. Während man sich bei Facebook zumindest noch mit alternativen Clients wie Gajim oder auch Conversations anmelden kann, erlauben WhatsApp und Google nicht einmal mehr dies. Deshalb kann man die Tatsache, dass XMPP Verwendung bei diesen Diensten findet, als Beweis dafür sehen dass es sich um ein leistungsfähiges Protokoll handelt, allerdings nicht sehr davon profitieren.

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